Die Hard 1 oder die IXS Bike Classic 2004

Angefangen hat alles vor langer langer Zeit. Im Jahr 2003 fuhr ich mit grossem Enthusiasmus die ersten richtigen Mountainbike-Rennen in der näheren Umgebung. Weil mein Bike damals schon zur Generation "zwar-vollgefedert-aber-auch-voll-schwer" gehörte, beschloss ich mir mit der Prämie von Herr Ueltschi etwas neues anzuschaffen. Es musste leicht sein und natürlich fast von selbst die Berge erklimmen. Schon bald wurde ich fündig und die ausgiebigen Testfahrten bestätigten die Theorie. Leichter = schneller = mehr Spass.

Und so war die erste Voraussetzung für die Teilnahme am IXS-Classic geschaffen. Beim IXS-Classic handelt es sich um eine Rennserie über 6 Rennen in der ganzen Schweiz. 20'000 Höhenmeter, 700km.

Das erste Rennen in Estavayer-le-Lac liess ich auf Grund von Empfehlungen zweier Bike Mechaniker ausfallen. Bei gewissen Verhältnissen sind Ersatzteile im Wert von bis zu 1'000 Franken fällig…

Swiss Bike Masters

Somit war meine erste Station DAS Bike Classic in Küblis. Schon die Zahlen sprachen eine eigene Sprache. 3'500 Teilnehmer, 75km, 3'500 Höhenmeter, 900 Helfer, 100 Samariter, 120 Funkgeräte, 1'500 kg Bananen, 1'000 kg Orangen, 17'000 Energy Tabs!

Wie beim Engadiner Skimarathon gilt für erstmalige Teilnehmer, hinten anstehen. Und so durfte ich im zweiten Feld in der zweitletzten Gruppe das Rennen in Angriff nehmen. Ich konnte ja nicht sagen niemand hätte mich gewarnt. Eindrücklich war der Start auf jeden Fall. Die Freude über dieses Erlebnis verfloss dann leider langsam beim über zweistündigen Aufstieg oder 1'800 Höhenmetern. Fast oben angekommen kam ich beim ersten Verpflegungsposten vorbei. Wie ich erst nach einigen Rennen realisierte, sind die Posten immer gleich organisiert. Zuerst kommen isotonische Getränke, dann Wasser, dann Boullion, dann feste Nahrung. Ich war jedoch nicht der einzige "Hamburger". Offensichtlich waren auch andere Fahrer ein wenig verwirrt. Kann aber auch an der Höhe oder am Erschöpfungsgrad gelegen haben. Mein Bike zeigte sich von der besten Seite, alles funktionierte bis dahin tadellos. Die Aufstiegsqualität zeigte sich eindrücklich. Nach einem weiteren kurzen Aufstieg kam die Abfahrt. Endlich dachte ich kann ich die neuen Scheibenbremsen ausreizen und hoffentlich ein paar Mitstreiter mit dem alten System auf der Strecke lassen. So wie man es immer im TV sieht, bin ich jeweils mit Höchstgeschwindigkeit auf die Kurve zugerast um im letzten Moment dafür umso stärker zu Bremsen. Das hat auch ganz gut funktioniert, die Bremsen verrichteten ihren Dienst ohne Probleme. Wäre da nur nicht die immense Länge der Abfahrt gewesen. Die Bremse verlangte nach immer mehr Kraft und schliesslich konnte ich kaum mehr Verzögern ohne meine letzten Kräfte in den Unterarmen zu mobilisieren. Auf einem flacheren Stück brachte ich das Bike dann zum Stehen. Ein kurzer Augenschein bestätigte meine Befürchtungen. Die Scheiben waren schon blau und feiner Rauch stieg langsam in die Höhe. Hätte ich bei der Verpflegung isotonisch anstelle von Wasser genommen, wäre es schwierig geworden. Diesmal hatte ich jedoch Glück im Unglück und nur reines Wasser in der Flasche. Ein Guss kühlte die Bremsen wieder auf eine normale Temperatur und ich konnte die Fahrt vorsichtig fortsetzen. Nach diesem traumatischen Erlebnis war ich fast froh um den folgenden Aufstieg. Meine Freude war allerdings von kurzer Dauer, denn ein Blick nach oben verriet mir, dass nun eine Stelle kommen würde wo ich mein geliebtes Bike tragen musste. Selbstverständlich gilt auch hier: je leichter desto besser. Die Strecke führte dann noch ein paar Mal auf und ab. Das ging jedoch je länger das Rennen dauerte je mehr aus meinem Gedächtnis verloren. Als ich endlich im Ziel ankam, wurde ich als Unterländer gefeiert. Einige Zeit später erfuhr ich dann, dass sogar ein Unterländer aus dem Kanton Schaffhausen das Rennen gewonnen hatte.

Als kleine Nebenerscheinung werden an grossen Rennen immer wieder teure Bikes gestohlen. Die Polizei konnte bei einer Kontrolle einen Lieferwagen anhalten, der 8 Bikes im Gesamtwert von 120'000 Fr. an Bord hatte. Seither sorge ich mich weniger um mein Bike, gehört es doch nicht wirklich in diese von Dieben bevorzugte Kategorie.

Das nächste Rennen war die Eiger-Bike-Challenge

Nomen est Omen, könnte man meinen. Es war viel schlimmer. Sogar der Zeltplatz befand sich in fast überhängendem Gelände. Obwohl gleich neben dem offiziellen Platz ein stillgelegtes Schwimmbad mit geraden Flächen leer stand, bekam ich anstelle eines ebenen Platzes die Einladung zu einer Schlägerei mit einem stark betrunkenen Abwart, die ich dankend ablehnte. Dummerweise hatte ich die Ausrüstung fürs Schrägzelten über 450 zu Hause gelassen. Glücklicherweise konnte ich mich dann dank meines weltmännischen Charmes mit einem einheimischen Bauern darauf einigen, auf seiner einigermassen ebenen Wiese zu campen. Zum Glück bemerkte ich noch vor Ladenschluss das Fehlen meines Schlafsackes. Natürlich wollte ich keinen Super-Polar-Arctic-2020 für reduzierte 850 Franken, sondern nur einen für diese eine Nacht. Ich hatte Glück und fand sogar ein Schnäppchen. Für schlappe 180 Alpendollar erstand ich einen Faserpelzschlafsack. Bestimmt hätte auch dieser wirklich günstige Schlafsack seinen Zweck erfüllt….wenn es 20 Grad wärmer gewesen wäre.

Noch eine Stunde nach dem Start im eiskalten Schatten habe ich so geschlottert, dass ich den Riemen am Helm enger schnallen musste um ihn nicht zu verlieren und mein Zähneklappen zu unterbinden. Vom vielen Schlottern ging bei der Ernährung dann einiges vergessen. Leider musste ich nach zwei Stunden feststellen, dass sich kleine, fiese Krämpfe langsam an meine Oberschenkel anschleichen. Lange konnte ich mich locker stellen, so tun als wäre das normal und das Rennen eh gleich fertig… Als jedoch kurz vor dem Ziel auf 2km 350 Höhenmeter zu bewältigen waren, kamen die Krämpfe aus ihren Verstecken und sprangen mir in die Beine. Um kein Aufsehen zu erregen, tat ich so, als würde ich die Gegend geniessen und trank ein paar wohltuende Schlucke aus meiner leeren Flasche. Irgendwie brachte ich das Rennen doch noch zu Ende, musste mich aber erst mal ein paar Stunden in die Sonne legen, bevor ich überhaupt daran denken konnte mein Bike einzuladen und das Zelt mit dem kuscheligen Schlafsack abzubrechen.

Das Rennen um den Schweizer Nationalpark der Nationalpark Marathon

Die Reise ins Engadin trat ich diesmal mit Vollausrüstung an. Dicker Schlafsack, Winterjacke, Handschuhe, warme Wanderschuhe, Schneeketten, Lawinensuchgerät, Notkocher etc. halt alles was man brauchen könnte im Engadin. Und alles was auf einer Strecke die über einen fast 5'000 Meter hohen Pass führte sonst noch sinnvoll ist. Ich nahm mir die Männerstrecke über 105 km vor. Start im Münstertal. Aufstehen um 4 Uhr, Bike verladen bis 5:30 Uhr, Abfahrt mit dem Postauto um 6:00. Ankunft am Start 7:30 Uhr. 8:00 Uhr Start in Fuldera mit Helikopter Begleitung. Am Start waren über 500 BikerInnen. Wie immer starten die Profis und auch die weniger professionellen Biker so als wäre Ziellinie nach 500m erreicht. Fehlt nur noch, dass Sie auf dem Hinterrad losfahren. Ich hielt mich die ersten paar Kilometer noch zurück um dann bei den Steigungen umso mehr Kraftreserven freimachen zu können. Leider hat sich diese Strategie nur teilweise als sinnvoll erwiesen. Tatsächlich konnte ich noch ein paar Reserven locker machen um die notwendigen Höhenmeter hinter mich zu bringen, für einen guten Rang wäre es jedoch besser gewesen, mit einer schnellen Gruppe mitzufahren. Lange musste ich den kleinen strategischen Fehler jedoch nicht betrauern, da sich bei der ersten längeren Abfahrt massive Handling-Probleme meines Bikes bemerkbar machten und ich zu einem Stopp gezwungen wurde. Die Diagnose war schnell gestellt: Akuter Luftmangel im Hinterrad und in beiden Lungenflügeln. Durch die Reparatur am Hinterrad und die damit verbundene Zwangspause, stellte sich auch eine gewisse Erholung des Atmungsapparates ein. Frohen Mutes machte ich mich wieder auf die Strecke um nach ein paar Kilometern erneut feststellen zu müssen, dass mein Hinterrad wieder fast keine Luft mehr hatte. Natürlich nahm ich auch das locker hin, schliesslich dauerte das Rennen in dieser Phase noch über 75 km. Schliesslich kam der Streckenabschnitt wovor mich alle gewarnt hatten. Der Chaschaunas Pass.

 

Wer sein Bike liebt, der schiebt. Sicher kennt fast jeder diesen lustigen Spruch. Nach einer Stunde schieben, ist der Spruch dann irgendwie nicht mehr sooo lustig. Und ALLE habe ihre geliebten Bikes geschoben. Die nächste Stufe wäre gesichertes Klettern gewesen… Die Abfahrt, vor der mich auch alle gewarnt hatten, versprach auch jede Menge Spass. Die Meisten gingen zu Fuss, ich bevorzugte auf dem Bike zu bleiben. Das war Fahren am äussersten Limit, immer kurz vor dem ultimativen Sturz in die Tiefe. Zu meiner Verwunderung gab es Fahrer die mich sogar noch überholten. Das MUSS an den viel teureren Bikes gelegen haben. Bis zum Ziel in Scoul waren noch einige Steigungen zu bezwingen, verglichen mit dem Chaschaunas Pass kann ich jedoch von einem sehr flachen letzen Stück berichten.

Das Golden-Bike Race in Schaffhausen

Natürlich will man in der Heimat alles besonders gut machen. Aus diesem Grund habe ich mich früh angemeldet und alle mir Bekannten die in der Organisation des Rennens involviert waren, bearbeitet um einen möglichst guten Startplatz zu ergattern. Das gelang mir teilweise. Ich durfte gleich hinter den Profis starten J Der einzige Vorteil dabei war, dass ich schon nach wenigen Metern frei Bahn hatte. Durch den Dauerregen war den Boden tief. Entsprechend sahen wir nach einigen Metern schon aus als wären wir zweifarbig lackiert. Vorne braun mit Übergang zu den Trikotfarben. Wie wenn ich nicht schon genug vom Pech verfolgt gewesen wäre, als sich nach nur 5 Km der mittlere Kranz nicht mehr benutzen lies, ging auch noch die Luft, diesmal vorne, verloren. Kein Problem dachte ich, schliesslich hat man ja alles dabei. Also Rad raus, Pneu runter, Schlauch raus, Grund für das Loch suchen, Splitter gefunden und jetzt. Wie bringe ich einen Splitter aus einem Velopneu ohne Zange? Nachdem ich mir sämtliche Fingernägel abgerissen hatte, dachte ich kurz daran einfach einem nachfolgenden, schwächer aussehenden Biker….es gelang mir dann, mit einem spitzen Stein, den ich im nahen, lustig plätschernden Bach fand, den Splitter zu entfernen und meine Fahrt ohne Mithilfe des mittleren Kranzes fortzusetzen. Natürlich musste ich bei jedem Posten (schliesslich kannte ich die Leute von meiner vorgängigen Bestechung für einen vorderen Startplatz) Rechenschaft über meine mässige Platzierung ablegen. Und einmal mehr wurde das alte Sprichwort bestätigt: Ein Unglück kommt selten allein.

The Final Countdown Iron-Bike Einsiedeln

Das Finale lockte mit attraktiven Preisen für alle die mindestens drei Rennen der Serie gefahren sind. Da ich an fünf Rennen teilnahm, also auf jeden Fall etwas für mich. Die Freude über das Fleece-Gilet der Grösse XS und das Satteltäschen für Yuppie-Ausflüge (nur Platz für ein paar Geldscheine) übermannte mich derart, dass ich erst am Renntag den leisen Schnee bemerkte. Als Erstbezwinger durfte ich in der zweiten Gruppe starten. Kurz nach dem Start konnte ich es irgendwie einrichten mit der ersten Gruppe mitzufahren. Ausser dem Umstand nach nur wenigen Minuten total durchnässt zu sein und kein Gefühl mehr in Händen und Füssen zu haben war es durchaus erhebend. Das erste Mal bei einem Rennen war ich froh als es endlich bergauf ging. Langsam kam das Gefühl zurück mit dem bekannten Schmerz des "Chueänagels". Aber hallo, schliesslich heisst das Rennen Iron-Bike! Nichts für Weicheier, Schattenparkierer, Frauenversteher, Warmduscher, Kollegengrüsser, Vortrittlasser, Mit-Handschuh-Diesel-tanker und Im-Kino-heuler. Dieses Rennen ist für Stählerne, Polizistenduzer, Beim-tanken-Raucher, Tankwagen-ausbremser und Russen-Mafia-Bescheisser.

Dieses Rennen verlangte nicht nur alles vom Piloten ab, sondern auch von der Maschine. Wie immer versuchte ich in jeder Situation solange wie möglich auf dem Bike zu bleiben. So auch bei der Abfahrt in einem ziemlich viel Wasser führenden Bach. Lustigerweise überholte ich tausende Wettkämpfer die nur grosse Augen machten und sogar applaudierten. Sogar SFDRS hatte Mühe mir mit den Kameras zu folgen. Tausende Zuschauer jubelten mir zu. Beni Turnher fand keine Worte…bis mein Vorderrad tauchte und ich nicht mehr aus den Pedalen kam. Die Folge war ein Überschlag in Zeitlupentempo mit dem Kopf im Eiswasser. Schlagartig wurde ich wieder wach und setzte mein Rennen wie alle anderen zu Fuss fort. Die Aufstiege brachten ein wenig Wärme, die Abfahrten Adrenalin in meinen Blutkreislauf, jedenfalls dort wo er nicht schon eingefroren war. Wie alle anderen Rennen, war auch dieses einmal zu Ende. Unter der Dusche kam dann überall dort das Gefühl zurück, wo das Blut nur noch in Klumpen rollte. Hätte mich jemand schreien gehört, wäre ich jetzt wohl immer noch in Einsiedeln.

Auf die nächste Serie freue ich mich jetzt schon. Die Hard 2 J

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